Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Tag der Amateure – Köster: „Es ist nervig!“

Was in England im Jahre 2010 als Non-League-Day initiiert wurde und seitdem als Event stetig wachsende Begeisterung entfacht soll auch in Deutschland etablieren werden. Wenn Sonntag die Profiligen Länderspielpause einlegen, ruft 11Freunde zum  „TAG DER AMATEURE“ auf. Wir haben im Vorlauf mit 11Freunde -Chefredakteur Philipp Köster über diese Initiative gesprochen.

Philipp, gehst du lieber ins Olympiastadion oder zu einem Amateurspiel?

In den Bundesligaarenen ist alles sehr steril geworden, alles wirkt komplett durchchoreografiert. Selbst der Torjubel wird im Keim erstickt, weil von der Musik alles niedergewalzt wird. Wenn ich zu Spielen in der Berlinliga gehe, ist das ganz anders, alles ist viel familiärer, auch haben Stadien wie Lichtenbergs Hans-Zoschke-Stadion oder Tasmanias Werner-Seelenbinder-Sportpark unheimlichen Charme. Im Zweifelsfall ist ein stimmungsvolles Derby zwischen zwei alten Stadtrivalen in einem leicht maroden Stadion für mich immer interessanter und spannender.

Warum ist es euch ein Anliegen, den Amateurfußball zu pushen?

Ich finde es schrecklich nervig, und bin sicherlich nicht allein, wie der Bundesliga-Spieltag mittlerweile aufgesplittert ist. Der Anstoßtermin am Sonntagmittag ist eine bodenlose Frechheit und zeigt, wie rücksichtslos der Profifußball seine Interessen auf dem Rücken der Amateure durchsetzt. Früher fand die Bundesliga am Samstag um 15.30 Uhr statt, der Sonntag war für die Amateure da. Aufstehen, frühstücken und dann mit den Kumpels oder der Familie zum Platz. Es war Konsens, dass der Fußball beides braucht – Profis und Amateure. Dieses Solidarprinzip wird nun endgültig aufgekündigt Mittlerweile hast du sonntags drei Anstoßzeiten in der Bundesliga, dazu die ganzen Spiele aus dem Ausland, der totalen Overkill. Der Tag, der den Amateuren ein wenig vorbehalten war, verschwindet hingegen.

Und deswegen will 11FREUNDE, den Amateurfußball mit dem TAG DER AMATEURE zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen?

Ja. Letztendlich geht es wirklich darum, den Amateuren mehr Beachtung zu schenken.  Das Herz des Fußballs schlägt jedes Wochenende auf unzähligen Fußballplätzen im ganzen Land. Wo sonst feiern Ultras einen Kreisligisten, packen Spieler beim Tribünenbau mit an und spendiert der Vereinswirt einen Kasten Bier für jedes Tor gegen den Lokalrivalen? Wo opfern Menschen Woche für Woche ihre Freizeit, um als Kassierer, Platzwarte, Trainer und Schiedsrichter auf dem Platz zu stehen? Amateurvereine vereinen Menschen, die gemeinsam etwas erschaffen, dem tatsächlich so etwas wie „echte Liebe“ innewohnt. Sie haben mehr Aufmerksamkeit verdient. Vor fünf, sechs, sieben Jahren hat es mit Internetportalen oder Facebook-Seiten angefangen, die sich wieder mehr dem Amateurfußball zuwenden. Da wird eine tolle Arbeit geleistet. Wir haben allerdings das Gefühl, dass viele User nur vor dem Rechner konsumieren, aber nicht auf den Platz gehen, weil sie doch wieder beim Profifußball hängenbleiben. Das ist schade.

Aber gibt es nicht bereits die Initiative „Lokalrunde“?

Die „Lokalrunde“ bestand bis 2016 und hat tolle Arbeit gemacht. Aus Zeitgründen haben die Organisatoren die „Lokalrunde“ aber mittlerweile eingestellt. Als aktuelles Vorbild dient uns der englische „Non League Day“, der sich seit 2010 für den Amateurfußball stark macht. Wir haben den Macher James Doe beim letzten „Non League Day“ begleitet und gute Erfahrungen gemacht. Am „Non League Day“ waren die Stadien fast überall voller als an einem gewöhnlichen Spieltag. Bei einigen Amateurvereinen waren ehemalige Profis wie Les Ferdinand oder Gary Neville zu Gast, bei anderen gab es ein großes Rahmenprogramm mit Autogrammstunden, kleinen Konzerten oder besonderen Essenständen. Zahlreiche Medien wie Sky, die Daily Mail oder der Guardian berichteten ausführlich über den „Non League Day“ und die teilnehmenden Vereine.

Der englische Non-League-Day ist also das Vorbild für den TAG DER AMATEURE?

In England ist das ganze mittlerweile ein Selbstläufer. In der Woche vor dem Non-League-Day berichten zahlreiche Medien über den Tag, auch große Fernsehsender wie die BBC oder Sky. Die Vereine lassen sich ganz tolle Ideen einfallen, und mittlerweile macht sich der Tag bei vielen Vereinen bezahlt. So kamen früher beispielsweise zu den Spielen des Siebtligisten Dulwich Hamlet 60 Fans, mittlerweile sind es manchmal 3000. Wer Old-School-Fußball in London sehen will, muss dahin. Die Fans dürfen in diesen kleinen englischen Amateurstadien all das, was in den Premier-League-Tempeln schon lange verboten ist: Rauchen, trinken, pöbeln – und in Deutschland sind die Tendenzen ja ganz ähnlich.

Warum sollten Vereine am Tag der Amateure teilnehmen?

Wir  wollen, dass am 8. Oktober viele Leute zum den Amateurfußballplätzen kommen. Wir werden an dem Tag in ganz Deutschland verstreut unsere Reporter einsetzen, haben Liveticker und Kamerateams vor Ort. Der Kreativität der Vereine sind keine Grenzen gesetzt. Wie wäre es mit einem ermäßigten Eintritt für alle Fans, die im Trikot eures Klubs kommen? Oder mit einem Motto-Verkleidungs-Tag? Gibt es aktuelle Profis, die früher bei euch gespielt haben und Getränke ausgeben wollen? Eine legendäre Altherrenmannschaft, die zur Autogrammstunde vorbeischaut? Eine besondere Vereinslimonade, die ihr an diesem Tag das erste Mal ausschenkt? Und keine Sorge: Auch ohne spezielle Aktion könnt ihr beim TAG DER AMATEURE mitmachen. Einfach mit eurer Partie anmelden und schon seid ihr dabei.

Und was bringt das den Vereinen?

Wie der Tag vor Ort genau gestaltet wird, ist den Vereinen überlassen. Wenn sie kreativ sind und gute Ideen haben, können sie so Leute an den Platz locken, die vielleicht gar nicht mehr wissen, dass es den Verein noch gibt und die dann feststellen, wie familiär und angenehm so ein Spiel im Vergleich zum kalten Arenabesuch sein kann. Wir können natürlich nicht versprechen, dass alle Stadien am 8. Oktober ausverkauft sind. Aber: Unser Team bewirbt den TAG DER AMATEURE bundesweit über ein großes Mediennetzwerk. Im besten Fall berichtet also die überregionale Presse über euer Spiel und euren Verein. Auch am Tag selbst sind unsere rasenden 11FREUNDE-Reporter unterwegs und berichten live aus den verschiedenen Ecken Deutschlands.

Foto: Tag der Amateure

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Über Niklas Heiden

Niklas Heiden
Chefredakteur: Niklas ist Initiator von Amateur Fußball Hamburg und somit seit der ersten Stunde mit an Bord. Der 18-Jährige interessiert sich für alles, was im Hamburger Amateurfußball vor sich geht und hat dieses Projekt deshalb ins Leben gerufen.